Eine Liebesgeschichte, erzählt von Johann dem historischen Haus.

Hallo Zusammen,

ich bin’s wieder – Johann. Ein neues Jahr, ein neues Jahrzehnt hat begonnen und zu diesem Anlass schwelgte ich mal wieder in Erinnerungen. Schöne, herzerfüllende, wenn auch nicht schmerzfreie Erinnerungen. Wisst ihr, ich als Gebäude kann mit meiner Seele die Gefühle der Menschen, die in mir wohnen wahrnehmen und kenne ihre Gedanken. Deshalb ist es so, dass ich immer mitleide, mich mitfreue, mit hoffe und voller Spannung wichtigen Ereignissen im Leben meiner Menschen entgegensehe. Ich erzähle euch heute eine Liebesgeschichte. Besser noch, ich erzähle sie euch nicht, sondern ich gebe Euch Einblicke in die Tagebücher von Lisl, die noch auf meinem Dachboden verstaut waren.

12. März 1955

Heute traf mich die Nachricht wie ein Blitzschlag – ER ist mit Rosi eine Verbindung eingegangen. Man hat sie zusammen gesehen. Sie seien jetzt wohl zusammen. Mein Herz schmerzt. Nein, schmerzt ist nicht der richtige Ausdruck dafür. Es fühlt sich an, als wäre es in tausend kleine Stücke zersprungen. Ich will nicht schlafen und nicht essen, nach nichts steht mir der Sinn, außer zu weinen und mir meine unsagbare Enttäuschung von der Seele zu schreien. Ich verstehe es nicht, Nein, ich will und kann es nicht glauben. Ich will es schon allein aus dem Grund nicht glauben, als dass ich nicht glauben will, dass ich mich so dermaßen getäuscht habe – in meinen Gefühlen und in seinen. Das kann nicht sein, es kann nicht sein! Ich kann nicht glauben, dass er unsere besondere Verbindung einfach eintauschen kann.  Oder hat es für ihn nicht dasselbe bedeutet, wie für mich? Ich dachte, wenn er endlich von der Seefahrt zurück ist und wir genug Geld haben, dann heiraten wir. So haben wir es immer gesagt, er hat mir sein Geld geschickt, um es für uns zu verwahren… Ich werde es ihm übrigens vor die Füße werfen, wenn wir uns sehen… Und was war mit seinen Briefen… kann man da etwas falsch verstehen oder war etwa alles gelogen?

„Meine liebe Lisl,

wir sind heute an der Küste Brasiliens vor Anker gegangen. Wir werden hier einige Tage an Land sein. Es ist sehr schön hier, das Meer und strahlend blauer Himmel. Wie du weißt, liebe ich es, die Welt zu entdecken und fremde Kulturen und Menschen kennen zu lernen. Deshalb bin ich ein Seefahrer, aber auch deshalb, weil ich hier gutes Geld verdiene, damit wir uns gemeinsam etwas aufbauen können, wenn ich endlich wieder ganz bei Dir bin. Meine Zeit auf der See ist bald zu Ende und ich sehne mich so sehr danach, bei dir zu sein. Dich nicht immer wieder für so lange Zeit verlassen zu müssen. 

In Liebe, dein Johnny“

29. Mai 1955

Es gibt Neuigkeiten. Er und Rosi sind nicht mehr zusammen. Eigentlich sollte es mich gar nicht mehr interessieren, aber es ist gelogen, wenn ich behaupte, dass es das nicht tut. Es löst aber kein Gefühl der Freude oder Erleichterung oder ähnliches in mir aus. Nein, eigentlich fühlt es sich an, wie trotzige Wut. Ja, eine Wut aus Enttäuschung und Traurigkeit geboren. Im Grunde will ich ihn nie wiedersehen, nie wieder auch nur ein Wort mit ihm sprechen. Ja, so ist es. Ich will mir keine Gedanken mehr über ihn machen.

28. Juli 1955

Ich hab ihn heute getroffen – Johnny. Ich war auf dem Weg zum Friseur. Er hat mich abgepasst, sagte, er hätte auf mich gewartet, weil er mit mir reden wollte. Ich war nicht darauf vorbereitet. Nein, nicht auf dieses Gefühl, was seine Erscheinung bei mir auslöste. Mein Herz raste, mein ganzer Körper, aber vor allem mein Bauch kribbelte. Ich war wieder wie vom Blitz getroffen, aber diesmal auf eine andere Art und Weise. Ich sah ihn an, mit Freude im Herzen und zugleich mit einer tiefen Traurigkeit. Und mir war in diesem Moment klar, dass ich ihn immer noch liebe. Dass ich nie aufgehört habe ihn zu lieben, mag der Schmerz auch noch so groß sein, meine Liebe ist größer. Er sagte, dass ihm alles unendlich leidtut, dass er einen großen Fehler gemacht habe, den er zu tiefst bereut. Das machte die Sache für mich nicht besser und wahrlich nicht einfacher. Ich reagierte kühl und abweisend. Sagte ihm, dass es zu spät sei und dass er sich das früher hätte überlegen müssen. Es fiel mir unendlich schwer, aber was sollte ich tun. Er hat mich zu tiefst enttäuscht, mich bloßgestellt, mich verletzt. Ich habe auch meinen Stolz und deshalb kann es für uns keine Chance mehr geben. Und jetzt sitze ich hier und leide… leide an meinem gebrochenen Herzen und an meiner Entscheidung, die ich nicht zurücknehmen kann und werde. Ich weiß, dass sie notwendig, konsequent und richtig ist. Nur sind mein Herz und mein Kopf noch nicht in Einklang.

13. Dezember 1955

…Ich darf sagen, dass es mir wirklich gut geht. Ja, ich fühle mich gut, mein Schmerz ist verschwunden und ich sehe die Welt wieder in bunten Farben. Auch meine Wut hat sich mittlerweile verflüchtigt. Ich habe mich im Verzeihen geübt – Was aber nichts an meiner Entscheidung ändert. Johnny und ich haben uns auch schon lange nicht gesehen und geredet haben wir seit unserem Treffen im Juli nicht mehr. Vor ein paar Wochen habe ich einen netten Mann kennen gelernt. Sein Name ist Hannes und er ist wirklich äußerst zuvorkommend. Morgen Nachmittag wollen wir einmal gemeinsam den Weihnachtsmarkt besuchen.

23. Januar 1956

Wenn ich dir schreibe, was heute geschehen ist, dann wirst du es mir wahrscheinlich nicht glauben. Ich kann es selbst kaum glauben. Ich bin noch nicht wieder richtig bei Sinnen. Alles, was heute passiert ist fühlt sich an, als wäre es ein riesen großer Traum, aus dem ich gleich erwache. In mir ist ein riesen großer Wirrwarr aus Gefühlen. Zum einen, weil ich von den Handlungen überrascht bin und zum anderen, weil mich in Folge dessen mal wieder meine eigenen Gefühle überrascht haben. Hannes hatte mich zum Tanz eingeladen. Er war ein Gentleman, holte mich mit seinem Wagen ab und brachte mir Pralinen mit. Als wir ankamen war der Saal schon gefüllt. Ich sagte zu ihm, dass ich mich schon sehr auf das Tanzen freue und dann erwiderte er, dass es ihm ebenfalls eine Freude sei, mich heute hier her zu führen, aber dass es wohl etwas anders verlaufen würde, als ich es mir dachte und dass ich ihm nicht böse sein soll, für das, was er tat. Noch ehe ich meine Verwunderung über seine komischen Worte äußern konnte, traten ein paar Menschen auf die Seite und da sah ich ihn stehen – Johnny. Mit einem Strauß roter Rosen in der Hand. Hannes sah mich an und sagte, dass er mich sehr gern hat, aber dass er spürt, dass mein Herz nicht ihm gehört, sondern Johnny. Und dass er wüsste, dass auch Johnny sich nichts mehr wünscht als wieder zu mir zurück zu kehren. Wieder ein Moment, in dem die Welt um uns herum nicht zu existieren schien. Mein erstes Gefühl war Verwunderung und zu meiner eigenen Überraschung realisierte ich aber kurz darauf, dass mein Herz bereits vor Freude hüpfend auf dem Weg zu Johnny war. Es war ein magischer Moment, als wir uns wieder gegenüberstanden. Ich denke, ich hatte mich zum Glück noch ganz gut unter Kontrolle, zeigte meine Freude nicht offen, sondern gab mich ein wenig distanziert. Meine Unsicherheit, die in dieser Situation ebenfalls vorhanden war, half mir dabei. Aber es war schön. Wir haben uns unterhalten und sind uns wieder offen begegnet und zum Schluss haben wir sogar miteinander getanzt. Es gefiel mir seine Nähe zu spüren und mir war klar, wie sehr ich es vermisst hatte. Ich bin verwirrt, was soll ich jetzt tun?

17. August 1956

Ich danke Gott und Hannes für diesen wunderbaren Abend im Januar. Es ist sehr schön, seit Er zurückgekehrt ist und ich fühle mich Ganz und voller Liebe. Und ich darf dir heute schreiben, dass wir in drei Wochen heiraten werden. Eigentlich wollten wir noch ein wenig warten, aber das geht jetzt nicht mehr, weil ich in anderen Umständen bin. Aber wozu auch warten? Ich denke eigentlich, wir haben lange genug aufeinander gewartet. Ich bin sehr, sehr glücklich!

So, das waren sie, die Einblicke in das Leben von Lisl und ihrem Johnny. Ihr findet das hört sich kitschig an? Nun, ich darf euch versichern, dass es diese Geschichte gegeben hat. Und ich darf euch auch sagen, dass die beiden bis der Tod sie als alte Menschen trennte glücklich miteinander waren. Auch wenn sie sich einmal mit ihren Unzulänglichkeiten auf die Nerven gingen, vergasen sie nie, welche Wertschätzung sie für einander empfinden und zeigten sich diese immer wieder in kleinen Gesten. In diesem Sinne „Vergesst mir die Liebe nicht!“

JK

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