Johann, das historische Haus erzählt eine Weihnachtsgeschichte

Johann – Eine Weihnachtsgeschichte

Guten Tag. Wenn ich mich kurz vorstellen darf, mein Name ist Johann. Auf den ersten Blick mag es wohl etwas ungewöhnlich sein, dass ICH Ihnen heute eine Geschichte erzähle, weil ich bereits 457 Jahre alt bin. Wenn Sie aber wissen, wer ich bin, werden Sie sich vermutlich nicht mehr über mein Alter wundern, sondern vielleicht darüber, dass ich sprechen kann. Ich bin nämlich ein großes, altes, zweigeschossiges Fachwerkhaus. Über die Jahre hab ich so einiges erlebt und ich dachte mir, vielleicht haben Sie ja Lust, zu erfahren, was in meinen alten Gemäuern schon so alles passiert ist.

Passend zur Weihnachtszeit habe ich heute eine meiner Lieblingsgeschichten für Euch…

Es war vor ca. 50 Jahren im Dezember. Der Winter hatte bereits Einzug gehalten und es lag schon eine dicke Schneedecke auf meinem Dach. Eisiger Wind pfiff um meine Ecken und von meinen Fensterläden pflückten die vorbeilaufenden Kinder die Eiszapfen, um an ihnen zu lutschen. Auch der ein oder andere Schneeball klatschte auf meine Außenwand. Manchmal passierte es den Kindern, dass sie eines meiner Fenster trafen und dann konnte man gewiss sein, dass die griesgrämige Käthe, die zu dieser Zeit in meiner linken Untergeschosshälfte wohnte,  ihren Kopf zum Fenster heraus streckte und eine Schimpftirade vom Feinsten von sich gab. Die Kinder rannten so schnell sie konnten lachend davon und auch mich amüsierte es jedes Mal.

In meiner rechten Obergeschosshälfte lebte Magdalena, eine alleinerziehende Mutter, mit ihrer dreizehnjährigen Tochter Annabell. Magdalena arbeitete in einer nahegelegenen Gaststätte. Sie machte oft Doppelschichten, um sich und ihre Tochter durchzubringen. Annabell war ihrer Mutter einerseits dankbar und verstand, dass sie das tun musste, aber sie war auch oft traurig darüber, weil sie häufig allein war und sich einsam fühlte. Und an manchen Abenden hatte sie auch schreckliche Angst, so alleine in der Wohnung. Sie fürchtete, es könne jemand bei ihr einbrechen. In solchen Momenten lag sie steif wie ein Stock unter ihrer Bettdecke, achtete auf jedes Geräusch und traute sich kaum zu atmen. So lag sie dann, bis ihr entweder vor Erschöpfung doch irgendwann die Augen zu fielen, oder ihre Mutter nach Hause kam.  

„Es weihnachtet sehr“

Zwei Tage vor Weihnachten freute sich Annabell sehr, denn ihre Mutter hatte bereits frei und sie backten am Nachmittag noch gemeinsam ein paar Plätzchen für die kommenden Festtage. Ein wunderbarer Duft durchströmte die Wohnung. Für das Abendessen hatte die Mutter Annabell auch noch ihr Lieblingsessen versprochen – Hackbraten mit Kartoffelbrei. Annabell liebte den Kartoffelbrei ihrer Mutter und fand, dass niemand einen besseren machte. Eine Sache gefiel ihr dabei jedoch gar nicht. Ihre Mutter schickte sie zum Kartoffeln holen in den Keller. Sie hasste es, in meinen Keller zu gehen, denn dort fürchtete sie sich immer sehr.

Zugegeben, als Dreizehnjährige konnte man sich in meinem Keller vielleicht wirklich ängstigen, ich aber fand ihn eigentlich recht urig. Mein Keller war ein großer Gewölbekeller, der zu einer früheren Zeit für die Lagerung von Kartoffeln, Getreide und anderen Lebensmitteln diente. Auch war er durch unterirdische Gänge mit anderen Kellern der Stadt verbunden. Aber die Zugänge wurden dicht gemacht und die Räume wurden ein wenig hergerichtet. So gab es also einen langen Gang, der wirklich nur sehr spärlich beleuchtet war und auf jeder Seite zwei Räume, die zu je einer Wohnung gehörten. Am Ende des Gangs gab es noch eine Waschküche und einen kleinen Kartoffelkeller.

Annabell tauchte zaghaft am Anfang des Gangs auf und umklammerte ihre Schüssel für die Kartoffeln. Zu ihrem Leidwesen musste sie bis ganz nach hinten, um die Kartoffeln zu holen. Sie schlich langsam und leise vorwärts. Die Türen der einzelnen Kellerräume waren nur mit windigen Holztüren versehen, durch deren Spalten zwischen den Latten man ins Innere sehen konnte. Wenn Annabell am Keller der alten Käthe vorbei musste, klopfte ihr Herz meist schon so laut, dass ich es fast durch meine Wände spüren konnte. Die alte Käthe hatte in ihrem Raum eine große Pappmaschee Figur hängen. Den Räuber Hotzenplotz, der ganz schwarz war und grimmig drein schaute. Daneben stand eine rote Lampe, so dass es Annabell immer vorkam, als würden seine Augen leuchten.  Sie fand ihn wirklich unheimlich. Als sie endlich im Kartoffelkeller angekommen war, glaubte sie blitzschnell ein paar Kartoffeln in ihre Schüssel, jederzeit zur Flucht bereit. Jetzt nichts wie weg. Sie drehte sich um und hastete los. Da stolperte sie und ein paar Kartoffeln kullerten aus ihrer Schüssel. Als sie die Kartoffeln wieder aufheben wollte,  fiel ihr Blick auf eine Ecke in der Waschküche und da schauten sie plötzlich zwei dunkle Augen an. Annabell stieß einen schrillen Schrei aus, lies die Schüssel fallen und rannte so schnell sie konnte den Gang entlang. Der Schreck saß ihr in allen Gliedern, ihre Knie zitterten und ihr Herz raste wie wild. „Halt, bitte warte. Ich will dir nichts Böses.“ hörte sie eine raue Stimme hinter ihr her rufen. Aber Annabell war wie im Rausch, konnte nicht anders, rannte weiter. Als sie mit klopfendem Herzen im Erdgeschoss angekommen war, hielt sie endlich inne. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Wer war das? Und was machte er in ihrem Keller? Ein Einbrecher? Noch mehr Panik stieg in ihr auf. Was sollte sie jetzt nur tun? Nach oben rennen und ihre Mutter holen? Bis dahin würde er sicherlich flüchten. Die alte Käthe um Hilfe bitten? Aber was sollte die ausrichten?

Es half nichts, Annabell musste all ihren Mut zusammen nehmen. Irgendwie wollte sie auch wissen, wen sie da gesehen hatte und eigentlich hatte er ja ganz freundlich geklungen. Sie stieg also ganz vorsichtig die Treppen hinab und lugte um die Ecke. „Wer bist du und was willst du hier?“ rief sie mit zitternder Stimme in meinen dämmrigen Gang hinein. „Bitte, hab keine Angst, ich tu dir nichts.“ sagte die Stimme wieder. Dann hörte sie, wie der alte Mann einen furchtbaren Hustenanfall bekam. Als es wieder ruhig war, sah sie eine kleine Gestalt mit langen, zotteligen Haaren und einem langen Vollbart am Ende des Gangs auftauchen. „Mein Name ist Ferdinand, aber die meisten nennen mich Ferdl. Ich wollte mich hier in eurem Keller ein wenig vor der Kälte schützen, weil ich mir so eine schreckliche Erkältung eingefangen hab.“ „Aber warum gehst du denn nicht nach Hause und legst dich ins Bett, wenn du krank bist?“ fragte Annabell verwundert. Ferdl antwortete ihr, dass das nicht ginge, weil er kein zu Hause habe. Annabell verspürte Mitleid mit Ferdl. Kein zu Hause? Krank, bei dieser Eiseskälte? Und das auch noch kurz vor Weihnachten?! Sie fasste sich ein Herz. „Willst du nicht vielleicht lieber mit mir nach oben kommen? Meine Mutter kocht gerade Hackbraten und sie macht den weltbesten Kartoffelbrei. Und einen Hustensaft müssten wir auch noch irgendwo haben.“  „Meinst du das ernst?“ fragte Ferdl ungläubig und ging langsam auf Annabell zu. Jetzt konnte sie ihn zum ersten Mal richtig sehen. Er trug eine braune, abgewetzte Cordhose, darüber eine graue, nicht sehr dicke Winterjacke und ganz löchrige Handschuhe. Was ihre Mutter wohl zu diesem Gast sagen würde?

Ganz schüchtern stand Ferdl vor der Wohnungstür und Annabell erklärte ihrer Mutter die Situation. Ihre Mutter musterte Ferdl und sagte dann „Na wir können einen kranken Mann ja nicht erfrieren lassen. Schon gar nicht, wo doch bald Weihnachten ist. Also rein mit dir und dann wird erst einmal etwas Ordentliches gegessen!“ Die drei hatten einen lustigen Abend und verstanden sich prächtig. So durfte Ferdl auch an Heilig Abend wieder mit ihnen essen und in Zukunft öfter vorbei kommen. Ferdl war tief berührt, von der Freundlichkeit der beiden und sehr dankbar. Und für Annabell war es, als hätte sie einen Opa zu Weihnachten geschenkt bekommen.

JK

Share on

Share on facebook
Share on twitter
Share on email
Share on whatsapp

Weitere Artikel:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern.